Anne (Isabelle Huppert) fährt mit ihrem Mann und ihren Kindern aufs Land. Aber ihr Haus ist bereits von einer anderen Familie besetzt. Die “Wolfzeit” ist ausgebrochen, die Endzeit, in der jeder für sich selbst Sorge zu tragen hat. Als er protestiert, wird Annes Mann von den Hausbesetzern erschossen. Mit nicht mehr als einem klapprigen, alten Fahrrad irrt Anne mit ihren Kindern durch eine kalte, trostlose Welt.

Hominus homini lupus est – der Mensch ist dem Menschen ein Wolf: Michael Hanekes Apokalypse wirkt so beängstigend, gerade weil der Zuschauer nie erfährt, wodurch die “Wolfzeit” ausgebrochen ist. In einem Interview erklärte der Regisseur, dass ihn die Ursachen einer Apokalypse – ein Atomkrieg, Umweltzerstörung, etc. – weit weniger interessierten, als die unmittelbaren Konsequenzen für den Umgang der Menschen miteinander.

In diesem Sinn ähnelt der Film den negativen Erziehungsromanen der Aufklärung (“Justine”); er treibt seine naiven Protagonisten von einer Katastrophe in die nächste. Eines Nachts, sie schlafen in einem kleinen Heuschuppen, verschwindet Annes Sohn Ben (Lucas Biscombe). In einer quälend langen Einstellung zeigt Haneke die verzweifelte Mutter, die – ohne Licht – immer wieder den Schein ihres kleinen Heufeuers verlässt, um das Kind zu suchen – vergeblich. Am nächsten Morgen kehrt er zurück, stumm; für den Rest des Films wird er es bleiben.

Natürlich verzichtet Haneke nicht auf die gängigen Endzeit-Typen: Im Verlauf ihrer Odyssee treffen Anne und die Kinder auf einen verwahrlosten Jungen, dem nur an seinem eigenen Heil liegt (der Anarchist), und, später, auf eine zusammengerottete Gruppe von Flüchtlingen, die an einem Bahnhof auf die sporadisch vorüberkommenden Züge warten. Sie werden von strengen, gewalttätigen Männern kontrolliert (die Faschisten). Solche Typen, die sich politisch interpretieren lassen, verwendete schon George Romero, der große Kino-Apokalyptiker, in “Dawn of the Dead”(1978). Die Züge verkörpern die Hoffnung – die Haneke seinen Protagonisten konsquent verweigert. Gelegentlich ist die Rede von religiösen Fanatikern, die in der “Wolfzeit” eine Strafe sehen, für die Buße getan werden muss – spätestens hier können Parallelen zu Ingmar Bergmanns Klassiker “Das Siebente Siegel” (1957) gezogen werden.

“Wolfzeit” wurde von der Kritik gefeiert und gleichzeitig – es ist eben ein Haneke-Film – vom Publikum größtenteils verschmäht. Er lässt sich kaum einem Genre zuordnen, aber die minimalistische und konzentrierte Inszenierung weiß zu beeindrucken. Haneke hat seinen bislang berühmtesten Film, den Thriller “Funny Games” (1998) gerade in den Vereinigten Staaten neu verfilmt als “Funny Games US” (2008).