Eine wachsende Zahl von US-Amerikanern gehört einer evangelikalischen Gemeinschaft an; auch Präsident George Bush. Evangelikale nehmen die Bibel wörtlich, leugnen die Evolution, hetzen gegen Schwule und Abtreibung. Ich will ihnen nicht unterstellen, dass sie bewußt boshaft wären, aber naiv sind sie allemal. Problematisch wird diese kuriose Erscheinung aufgrund ihres wachsenden politischen Potenzials.

Wie alle anderen – die Pfadfinder etwa, die Katholiken, die Protestanten, die Fußballer etc. – veranstalten auch die Evangelikalen idyllische Sommerlager für ihre Kinder. Der Dokumentarfilm “Jesus Camp” von Heidi Ewing und Rachel Grady begleitet die Predigerin Becky Fisher, die seit 2001 in North Dakota das “Kids on Fire”-Camp veranstaltet. Naja: Veranstaltet hat. Denn seit “Jesus Camp” in den USA Furore gemacht hat, hat das Sommerlager nicht mehr stattgefunden.

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Warum? Sehen Sie sich den Film an. Er bietet einen vorzügliche Anleitung zur Indoktrination von Kindern. Die rhetorisch geschickten Prediger schaffen es, die Kinder (die zumeist im Hausunterricht lernen) voll und ganz auf ihre Linie einzustimmen. An einer Stelle des rund neunzigminütigen Films rechtfertigt Fisher ihre Strategie: Die “Feinde” des Christentums machen es ja genauso – bloß, dass man in deren Ferienlagern den Kindern das Schießen mit Schnellfeuergewehren und das Werfen von Handgranaten beibringt. Ein paar Minuten später erklären zwei bestenfalls zehnjährige Kinder, wie toll sie es finden, dass christliche Soldaten ganz ohne Angst den Märtyrertod sterben können.

Wie klein die Welt doch ist.

Freilich, einen nüchternen Dokumentarfilm haben Ewing und Grady nicht gedreht. Dennoch ist er unbedingt sehenswert – gerade in einem Jahrzehnt, da immer wieder davor gewarnt wird, das einundzwanzigste Jahrhundert könnte noch einmal ein Jahrhundert der religiösen Kriege werden. Ekkehard Knörrer nennt den Film “gesellschaftlich relevant” – und hat völlig recht. Denn auch Europa ist keine Bastion des aufgeklärten Humanismus.