Dario Argentos “Inferno” (1980)

Spätestens als sich die Titelheldin in “Juno” als Dario-Argento-Fan outete, hatte auch ich mal wieder Lust, einen dieser kreischend bunten, bluttriefenden Filme zu sehen, mit denen der italienische Regisseur ein geneigtes Publikum seit bald vierzig Jahren bedient.

Glücklicherweise verfügen gutsortierte Videotheken meist über ein schmuddeliges Räumchen, in dem die Perlen des Splatterkinos der vergangenen dreißig Jahren darauf warten, entdeckt zu werden – der frühe Cronenberg etwa, “Re-Animator”, “Maniac Cop” und – unbedingt – die Filme Dario Argentos.

“Inferno” oder “Horror Infernal” ist der zweite Teil der mit “Suspiria” (1977) beginnenden und mit “Mother of Tears” (2007) endenden Three-Mothers-Trilogie, in der es um eine Weltverschwörung von Hexen geht. Aber Argento-Filme sind nicht gerade für ihre ausgeklügelte Handlung bekannt; es ist eigentlich egal, in welcher Reihenfolge man sie schaut – eine wirklich zusammenhängende Geschichte ist weit und breit nicht erkennbar. “Inferno” von 1980 kam in der Zeit, als die amerikanischen Zombiefilme allmählich nach Europa rüberschwappten und dort zu Machwerken der ganz besonderen Art, etwa “Man-Eater”, mutierten. Für Filmemacher wie Lucio Fulci schlug die Stunde.

Argento war 1979 in New York, um George Romeros “Dawn of the Dead” zu schneiden. Das Ergebnis, Argentos “European Cut”, ist bis heute die zugänglichste Version des Kaufhaus-Horrors. Kurz nach Beendigung der Arbeiten erkrankte Argento und musste für einige Wochen in einem New Yorker Krankenhaus das Bett hüten. Gleichzeitig wurde “Suspiria” ein großer Erfolg. Das Studio Fox trat an den italienischen Regisseur heran mit der Bitte um eine Fortsetzung für den amerikanischen Markt. Gesagt, getan: “Inferno” wurde flott im Bett verfasst; als Hauptdarsteller engagierte man Amerikaner, und los ging’s. Allerdings entwickelten sich die Dreharbeiten für Argento eher schlecht; das Studio mischte sich häufig ein; im Endeffekt ist “Inferno” der Film, den Argento selbst wohl am wenigsten leiden kann. Schlecht ist er deshalb aber nicht.

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“Inferno” beeindruckt mit gewohnt stilsicherer Kameraführung, mit der fast erotischen Inszenierung von Architektur und dem wunderbar passenden Einsatz von Verdi-Stücken. Auf der anderen Seite ist die Geschichte nicht eben logisch, und die Schauspieler wirken sehr unbeholfen. Wie schon der Vorgänger enthält auch “Inferno” eine Menge surreale Elemente. Manche Rezensenten witterten gar Anleihen ans Arthouse-Kino, aber das ist Unsinn; Argento macht Unterhaltungsfilme. Zwar versucht er häufig, komplizierte Ideen – etwa die grandiose, von Mario Bava inszenierte Unterwasser-Szene – umzusetzen, aber häufig gelingt ihm das nicht recht – seine Fans verzeihen es ihm: Bei Argento zählt oft die Absicht mehr als die Umsetzung. Man mag sich gar nicht ausmalen, wie Guillermo del Torro oder Peter Jackson “Suspiria” hätten inszenieren können.

Besonders auffällig fand ich eine Szene, in der ein alter, unheimlicher Antiquar von Ratten bei lebendigem Leib aufgefressen wird – an einem undefinierten Gewässer (im Central Park?) irgendwo innerhalb New Yorks: Die dabei eingesetzte Musik erinnert unbedingt an Gershwins “Rhapsody in Blue”, die Woody Allen ein Jahr zuvor für seine legendäre Eingangsszene in “Manhattan” verwendet hatte – eine Parodie? Wie so oft: Das weiß nur Argento …