Mit “A History of Violence” hat Altmeister David Cronenberg 2005 die gleichnamige Graphic Novel von John Wagner und Vince Locke verfilmt. Mit scharfer Beobachtungsgabe und einem Gespür für die hinter der Mittelklassefassade lauernden Gefahr, ist ihm einer der beunruhigsten Filme der Dekade gelungen.

Tom Stall (Viggo Mortensen) verbringt ein eher unscheinbares Leben in Indiana. Tom besitzt einen Imbiss und ist mit der Rechtsanwältin Edie (Maria Bello) verheiratet. Die kleine idyllische Kleinstadt Millbrook mit ihren gerade mal 3.246 Einwohnern wird eines Abends jedoch erschüttert, als zwei Unbekannte in seinem Restaurant Streit suchen und von Tom mit erstaunlicher Präzision ausgeschaltet werden. Tom avanciert zu einer lokalen Berühmtheit, die ihm sichtlich unangenehm ist.

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A History of Violence: David Cronenberg inszeniert Gewalt in der Kleinstadt

Für seinen Mut gelobt und als Held gefeiert, wird Tom bald von weiteren Unbekannten drangsaliert: Der Mafioso Carl Fogarty (Ed Harris) beginnt mit seiner ebenso ruhigen wie gefährlichen Art Toms Familie nachzustellen und behauptet, Tom sei in Wirklichkeit der ehemalige Killer Joey. Als solcher hätte er für den Mafia-Boss Richie (William Hurt) auf brutale und effiziente Weise gemordet und sei auch für Fogartys fehlendes Auge verantwortlich. Da Richie – der zudem Joeys Bruder ist – auf Rache drängt, soll Tom sein Leben in Millbrook aufgeben und mit den Gangstern zurück nach Philadelphia gehen.

Cronenberg ist für seine exzessiven Bilder bekannt – in “A History of Violence” hält er sich erstaunlich zurück. Mit nur wenigen expliziten Gewaltszenen, die dafür aber erschreckend realitätsnah wirken, ist das “ab 18” Label tatsächlich wohl eher der Stimmung, dem Inhalt und der Fragestellungen des Films geschuldet. Denn der Regisseur lässt Gewalt in der Gesellschaft, Gewalt in den Medien und Gewalt in der Familie zu einem großen Kreislauf werden und fragt nicht nur nach einer Geschichte der Gewalt, sondern auch, woher diese kommt – eine gewalttätige Geschichte in mehreren Ebenen und damit wohl Cronenbergs nachdenklichster Film.

Viggo Mortensen, William Hurt und Ed Harris in einer Comicverfilmung

Das ausgezeichnete Drehbuch zu David Cronenbergs Film entstand nur in Anlehnung an die Graphic Novel: Etliche Szenen wurden hinzugeschrieben (besonders in Bezug auf Tom/Joeys Familie), andere wurden gekürzt, so dass Film und Comic zwar die gleichen Fragen stellen, jedoch andere Herangehensweisen aufzeigen. Eine einfache Lösung wird nicht angeboten und so kann die Schlusssequenz ambivalent gedeutet werden: als Hoffnungsschimmer oder als Fortsetzung der Angst vor Gewalt, vor allem aber stellvertrend für die Hilflosigkeit aus dem Teufelskreis auszubrechen.