März, 2008
“Jesus Camp” Gottes kleine Soldaten
Eine wachsende Zahl von US-Amerikanern gehört einer evangelikalischen Gemeinschaft an; auch Präsident George Bush. Evangelikale nehmen die Bibel wörtlich, leugnen die Evolution, hetzen gegen Schwule und Abtreibung. Ich will ihnen nicht unterstellen, dass sie bewußt boshaft wären, aber naiv sind sie allemal. Problematisch wird diese kuriose Erscheinung aufgrund ihres wachsenden politischen Potenzials.
Wie alle anderen - die Pfadfinder etwa, die Katholiken, die Protestanten, die Fußballer etc. - veranstalten auch die Evangelikalen idyllische Sommerlager für ihre Kinder. Der Dokumentarfilm “Jesus Camp” von Heidi Ewing und Rachel Grady begleitet die Predigerin Becky Fisher, die seit 2001 in North Dakota das “Kids on Fire”-Camp veranstaltet. Naja: Veranstaltet hat. Denn seit “Jesus Camp” in den USA Furore gemacht hat, hat das Sommerlager nicht mehr stattgefunden.
Warum? Sehen Sie sich den Film an. Er bietet einen vorzügliche Anleitung zur Indoktrination von Kindern. Die rhetorisch geschickten Prediger schaffen es, die Kinder (die zumeist im Hausunterricht lernen) voll und ganz auf ihre Linie einzustimmen. An einer Stelle des rund neunzigminütigen Films rechtfertigt Fisher ihre Strategie: Die “Feinde” des Christentums machen es ja genauso - bloß, dass man in deren Ferienlagern den Kindern das Schießen mit Schnellfeuergewehren und das Werfen von Handgranaten beibringt. Ein paar Minuten später erklären zwei bestenfalls zehnjährige Kinder, wie toll sie es finden, dass christliche Soldaten ganz ohne Angst den Märtyrertod sterben können.
Wie klein die Welt doch ist.
Freilich, einen nüchternen Dokumentarfilm haben Ewing und Grady nicht gedreht. Dennoch ist er unbedingt sehenswert - gerade in einem Jahrzehnt, da immer wieder davor gewarnt wird, das einundzwanzigste Jahrhundert könnte noch einmal ein Jahrhundert der religiösen Kriege werden. Ekkehard Knörrer nennt den Film “gesellschaftlich relevant” - und hat völlig recht. Denn auch Europa ist keine Bastion des aufgeklärten Humanismus.
“Pans Labyrinth” von Guillermo del Toro
“Pans Labyrinth” von Guillermo del Toro
Ehe er mit “Pans Labyrinth” sein Meisterwerk hinlegte, war der mexikanische Regisseur Guillermo del Toro in erster Linie Genrefans bekannt; seine frühen Filme wie “Cronos” (1993) oder “The Devil’s Backbone” (2001) wiesen ihn aber bereits als den großen Phantasten des Gegenwartsfilms aus. In seiner makabren, traurigen Romantik erinnert del Toro an Edgar Allan Poe.
“Pans Labyrinth” von 2007 erzählt vom Krieg, vom Spanischen Bürgerkrieg, um genauer zu sein, und von der Gewalt. Und von der Phantasie als letzter Fluchtmöglichkeit.
Die kleine Ofélia kommt mit ihrer Mutter zu ihrem zukünftigen Stiefvater, einem skrupellosen Kommandeur der Faschisten. Er soll, von einem alten Bauernhof in den Wäldern aus, die umliegenden Hügel von Rebellen befreien. Schon nach kurzer Zeit wird deutlich, dass Capitan Vidal vor nichts zurückschreckt, um seinen Auftrag auszuführen. Seine Methoden sind grausam, unnachgiebig, tyrannisch.
Bei ihren Erkundungen im Wald trifft Ofélia auf magische Wesen, allen voran einen Pan, einen Waldgott. Er hält das Mädchen für die verschollene Tochter eines märchenhaften Königs; um ihre Herkunft aber zu beweisen, muss sie diverse Prüfungen bestehen. Die Welt Capitan Vidals und die Welt des Pan beginnen, sich zu vermischen …
Der Film bietet hochintelligentes und emotionales Kino und beweist, dass es möglich ist, sich auch im phantastischen Genre mit komplexen Themen auseinanderzusetzen.
Wäre es nach mir gegangen, der Film wäre 2007 auch “bester Film” geworden. Del Toro erklärte übrigens kürzlich, dass er gerne Lovecrafts “Berge des Wahnsinns” verfilmen würde. Das könnte die erste gelungene Lovecraft-Adaption der Filmgeschichte werden …
Dario Argnetos Inferno (1980)
Dario Argentos “Inferno” (1980)
Spätestens als sich die Titelheldin in “Juno” als Dario-Argento-Fan outete, hatte auch ich mal wieder Lust, einen dieser kreischend bunten, bluttriefenden Filme zu sehen, mit denen der italienische Regisseur ein geneigtes Publikum seit bald vierzig Jahren bedient.
Glücklicherweise verfügen gutsortierte Videotheken meist über ein schmuddeliges Räumchen, in dem die Perlen des Splatterkinos der vergangenen dreißig Jahren darauf warten, entdeckt zu werden - der frühe Cronenberg etwa, “Re-Animator”, “Maniac Cop” und - unbedingt - die Filme Dario Argentos.
“Inferno” oder “Horror Infernal” ist der zweite Teil der mit “Suspiria” (1977) beginnenden und mit “Mother of Tears” (2007) endenden Three-Mothers-Trilogie, in der es um eine Weltverschwörung von Hexen geht. Aber Argento-Filme sind nicht gerade für ihre ausgeklügelte Handlung bekannt; es ist eigentlich egal, in welcher Reihenfolge man sie schaut - eine wirklich zusammenhängende Geschichte ist weit und breit nicht erkennbar. “Inferno” von 1980 kam in der Zeit, als die amerikanischen Zombiefilme allmählich nach Europa rüberschwappten und dort zu Machwerken der ganz besonderen Art, etwa “Man-Eater”, mutierten. Für Filmemacher wie Lucio Fulci schlug die Stunde.
Argento war 1979 in New York, um George Romeros “Dawn of the Dead” zu schneiden. Das Ergebnis, Argentos “European Cut”, ist bis heute die zugänglichste Version des Kaufhaus-Horrors. Kurz nach Beendigung der Arbeiten erkrankte Argento und musste für einige Wochen in einem New Yorker Krankenhaus das Bett hüten. Gleichzeitig wurde “Suspiria” ein großer Erfolg. Das Studio Fox trat an den italienischen Regisseur heran mit der Bitte um eine Fortsetzung für den amerikanischen Markt. Gesagt, getan: “Inferno” wurde flott im Bett verfasst; als Hauptdarsteller engagierte man Amerikaner, und los ging’s. Allerdings entwickelten sich die Dreharbeiten für Argento eher schlecht; das Studio mischte sich häufig ein; im Endeffekt ist “Inferno” der Film, den Argento selbst wohl am wenigsten leiden kann. Schlecht ist er deshalb aber nicht.
“Inferno” beeindruckt mit gewohnt stilsicherer Kameraführung, mit der fast erotischen Inszenierung von Architektur und dem wunderbar passenden Einsatz von Verdi-Stücken. Auf der anderen Seite ist die Geschichte nicht eben logisch, und die Schauspieler wirken sehr unbeholfen. Wie schon der Vorgänger enthält auch “Inferno” eine Menge surreale Elemente. Manche Rezensenten witterten gar Anleihen ans Arthouse-Kino, aber das ist Unsinn; Argento macht Unterhaltungsfilme. Zwar versucht er häufig, komplizierte Ideen - etwa die grandiose, von Mario Bava inszenierte Unterwasser-Szene - umzusetzen, aber häufig gelingt ihm das nicht recht - seine Fans verzeihen es ihm: Bei Argento zählt oft die Absicht mehr als die Umsetzung. Man mag sich gar nicht ausmalen, wie Guillermo del Torro oder Peter Jackson “Suspiria” hätten inszenieren können.
Besonders auffällig fand ich eine Szene, in der ein alter, unheimlicher Antiquar von Ratten bei lebendigem Leib aufgefressen wird - an einem undefinierten Gewässer (im Central Park?) irgendwo innerhalb New Yorks: Die dabei eingesetzte Musik erinnert unbedingt an Gershwins “Rhapsody in Blue”, die Woody Allen ein Jahr zuvor für seine legendäre Eingangsszene in “Manhattan” verwendet hatte - eine Parodie? Wie so oft: Das weiß nur Argento …
Nietzsche hat den Fortsetzungswahn erfunden
Nietzsche erfand die Idee der Ewigen Wiederkehr; aber erst Hollywoods Blockbuster-Kino machte uns Normalsterblichen klar, was damit gemeint sein könnte. Und besonders die drei “Zurück in die Zukunft”-Filme machten sich um das breite Verständnis von Nietzsches trostloser Philosophie verdient: Alles ist bereits passiert, alles passiert, alles wird wieder passieren.
Gewiss, böse Zungen könnten behaupten, dass den Drehbuchautoren gar nicht viel daran gelegen war, das Kinopublikum mit dem Gedanken der Ewigen Wiederkehr vertraut zu machen, sondern dass man einfach eine Story, die bereits funktioniert hatte, recyclen wollte … aber solch verleumderischen Tiraden schließe ich mich nicht an. Nein, ich sage sogar mehr, Hollywoods Studiobosse sind Philosophen.
Ich hatte vor Kurzem das Vergnügen, den dritten Teil der “Zurück in die Zukunft“-Filme wiederzusehen, nach mehr als zehn Jahren. Das letzte Mal muss ich noch zur Grundschule gegangen sein, und ich wage kaum, mir auszumalen, wie ich damals vor lauter Spaß Purzelbäume geschlagen und gekreischt haben mag. Bei erneuter Sichtung der Abenteuer von Marty und Doc Brown wollten sich dergleichen Zustände aber partout nicht einstellen.
Der Film hat den Charme einer Kaugummiblase, die zwar einen Moment lang schön anzusehen ist - jedenfalls, wenn man schrill-rosa Chemiefasern mag -, kurz darauf aber unweigerlich zerplatzt und sich auf dem Gesicht des Bläsers verteilt. “Zurück in die Zukunft Teil III” platzt ziemlich schnell. Die Geschichte: Gleicht der der ersten beiden Teile. Die Figuren: Dieselben. Immerhin gibt’s eine Art Liebesgeschichte, aber die ist albern.
Kurzum: Ein überflüssiger Film; immerhin nicht ganz so hirnlos wie aktuelle Fortsetzungsorgien, aber auch nicht viel besser.
Es gibt Schlimmeres
“I’m a planet!”
Juno steht auf Punk. Juno säuft literweise Orangensaft. Juno raucht Pfeife. Juno mag Dario-Argento-Filme. Und: Juno ist schwanger.
“Juno“, der neue Film von “Thank you for smoking”-Regisseur Ivan Reitman, erzählt die unglaublich sympathische Geschichte einer eigensinnigen High-School-Schülerin (Ellen Page), die eines Tages aus Versehen schwanger wird.
Als sie erfährt, dass das Ding in ihrem Bauch immerhin schon Fingernägel hat, beschliesst sie, dass eine Abtreibung nicht infrage kommt. Behalten kann sie das Kind freilich auch nicht - was tun? Glücklicherweise weiß Junos beste Freundin guten Rat: Kinderlose Paare inserieren im Anzeigenheftchen! Die beiden suchen kurzerhand ein vernünftig scheinendes, gut verdienendes Paar (Jennifer Garner, Jason Bateman) heraus und melden sich…
Der Film wartet mit einigen Überraschungen auf und hat - definitiv verdientermaßen - den Oscar fürs beste Drehbuch 2008 bekommen. Der verblüffendste Einfall ist die erfrischende Selbstverständlichkeit, mit der Junos Eltern, ihr Freund etc. ihre Schwangerschaft aufnehmen - Du bist schwanger? Well. We’ll get over it … Drehbuchautorin Diablo Cody kann sich zurzeit vor Anfragen kaum retten.
“Juno” war ein Überraschungserfolg in den Vereinigten Staaten und wurde teilweise (leider) von der Anti-Abtreibungsliga instrumentalisiert. Dagegen freilich wehrt sich Autorin Cody: Sie, gestand sie jüngst in einem Interview, habe nur die Geschichte eines Mädchens erzählen wollen, das sich für das Kind entscheidet. Anderen Frauen ins Gewissen zu reden läge ihr freilich fern.
Man hört gern so unerwartet liberale und emanzipierte Worte aus dem allzu evangelikalen Amerika. Und “Juno” hätte es verdient, in Europa ebensogroßen Erfolg zu haben wie in Übersee.
Harry und Potter werden getrennt
Die Zweiteiler kommen entschieden in Mode
Jetzt ist öffentlich, was als Gerücht schon länger kursierte: Angesichts der zu erwartenden Einbrüche an den Kinokassen, sobald keine Harry-Potter-Verfilmungen mehr anstehen, haben sich die verantwortlichen Studios entschieden, den siebten Teil der Fantasy-Saga um den Zauberlehrling als Zweiteiler in die Kinos zu bringen.
Selbiges gilt bekanntlich bereits für Peter Jacksons Neuverfilmung des “Kleinen Hobbits” von Tolkien. Nach den Trilogien stehen uns jetzt also die Zweiteiler ins Haus. Wann schlägt Michael Bay (der jüngst ein Neuverfilmungs-Studion ins Leben rief…) vor, Rodriguez`”From dusk till dawn” als Zweiteiler zu adaptieren - der erste Teil Gangsterfilm, der zweite Vampirsplatter? Oder “The Sixth Sense” - der erste Teil als schwieriges, an Bergmann angelehntes Psychodrama, der zweite als Gruselfilm? To be continued …
Das Potenzial zu Zweiteilern scheint weitaus größer als jenes zu Dreiteilern (zumindest die passenden Romanvorlagen sind langsam abgegrast…). Ich erwarte lange Kinonächte.
Die innere Unsicherheit
Spike Lees “Inside Man”
Wenn der Vorspann “a Spike Lee Joint” verkündet, weiß der geneigte Filmkenner, worauf er sich einstellen muss. Nicht unbedingt inhaltlich - da ist Mister Lee äußerst wandlungsfähig (”Summer of Sam”, “Malcolm X”); wohl aber, was die Spannungskurve betrifft: Denn langweilig sind die Filme des einstigen Independent-Helden nie.
“Inside Man” ist die ironische Geschichte eines perfekten Banküberfalls, der in eine Geiselnahme mündet; und die Geschichte zweier Männer, die einander gegenüberstehen: Der Cop (Denzel Washington) und der Gangster (Clive Owen). Spike Lee erweist sich als Meister geschickter Thrillerinszenierung. Die Schauspieler sind mit sichtlicher Freude an ihren Rollen dabei - besonders Washingtons cooler Polizist ist einfach nur … lässig.
Unglücklicherweise für den Autor dieser Zeilen hieße den raffinierten Plot auch nur ansatzweise zu verraten gleichzeitig dem Leser den Film zu verderben. Darum berichte ich von den Nebenschauplätzen: Jodie Foster ist als grandios-kaltblütige Rechtsanwältin irgendwie nebenbesetzt, schlägt sich aber trotzdem mit Bravour. Bloß ist der klassische Jodie-Foster-Part halt doch irgendwie der Underdog, und es wirkt merkwürdig, wie sie in “Inside Man” die Superreichen bedient. Christopher Plummer spielt mehr oder weniger dieselbe Rolle wie üblich; manchmal frage ich mich, ob Plummer und Max von Sydow sich ihre Gagen teilen, dermaßen identisch, wie beide inzwischen sind - sowohl was Rollenbesetzung, als auch patriarchalisch-weise-böses Gesicht betrifft…
“Inside Man” ist ein intelligentes, ironisches Dialogfeuerwerk, kurzum: Perfektes Unterhaltungskino. Und Spike Lee beweist mit dem Film, dass er auch die vermeintlich schlichteren Geschichten grandios zu inszenieren weiß.
Filme online gucken - Die Cineasten sterben aus
“Cineast, der: Person, die sich, über den herkömmlichen Filmkonsum hinweg, für das Medium Film als Kunstform interessiert. Das Wort leitet sich vom französischen “cinéaste” (m.) ab und bezeichnete ursprünglich ausschließlich Filmschaffende. Im Laufe der Zeit hat sich die Bedeutung allerdings gewandelt, heute bezeichnet sich als C., wer regelmäßig Filme sieht - vorzugsweise natürlich im Kino; oftmals kleine und unabhängige Produktionen jenseits des Mainstreams. Daneben verfolgt der C. auch die Filmtheorie und -kritik, betätigt sich gegebenenfalls auch selbst darin.” (zitiert nach Alfons Hugenschwarte, Lexikon der arroganten Hobbies, erste Auflage, Freiburg, 1998)
Der C. ist so gut wie ausgestorben; vorher stirbt allenfalls noch das Einhorn aus. Nicht, dass es an hervorragenden Filmen mangelt - die Halloween-Reihe etwa bringt es auf unzählige Fortsetzungen, “Fluch der Karibik” ist bereits in die dritte Runde gegangen, und Qualitätsproduzent Michael Bay hat seine eigene Produktionsfirma für Remakes gegründet.
Kino war noch nie so originell wie heute.
Aber, oh weh!, trotz der wunderbaren Fortsetzungsvielfalt hat offenbar kein Mensch mehr Lust, Geld für die Filme auszugeben. Freilich, wenn’s umsonst ist, etwa auf dubiosen Internet-Seiten, dann scheint das Interesse doch zu bestehen. Aber an der Bereitschaft, Geld in die Filmindustrie, diese Speerspitze aller kreativen Bewegungen des Planeten, zu investieren, fehlt es aus unverständlichen Gründen.
Vielleicht könnte die Filmindustrie das Ruder herumreißen, wenn statt reifer, vernünftiger Studiobosse, die sich immer auch als Manager einer Aktiengesellschaft verstehen, wieder die kleinen, konfusen, insolventen Filmemacher bestimmen könnten, welche Filme gemacht werden.
Aber, mal ehrlich, wollen wir das?
Filmklassiker - eine arg subjektive Liste
Das Schöne am Internet ist, dass es ein urdemokratisches Medium ist: Hier kann jeder - aber wirklich jeder - seine Meinung kundtun. Es soll Menschen geben, die das Leben ihres Haustiers bloggen. Filmfans stellen einen nicht unbeträchtlichen Teil derer, die sich im World Wide Web publizierend betätigen. Und natürlich geht es auf den entsprechenden Seiten, Blogs etc. hoch her; denn der Lieblingsfilm des Einen (”Susi und Strolch”) ist der absolute Hassfilm des Anderen, der ausschließlich schwedische Dogma-Produktionen mag. Und so weiter, und so fort. Ich habe zwar den Eindruck, dass das Genre des Splatterfilms sich im Internet der größten Aufmerksamkeit erfreut. Aber da könnten mich meine eigenen Vorlieben täuschen … trotzdem, logisch wäre es: Denn das Internet bietet, als quasi zensur-freies Medium, die besten Möglichkeiten, sich gerade über jene Filme, die immer an der Geschmacks- und Verbotsgrenze entlangfuhren, ausführlich zu verbreiten.
Summa summarum: Es ist an der Zeit, dass auch ich polemisch tätig werde, und eine Bestenliste veröffentliche. Wie alle Bestenlisten, ist auch diese absolut und unanfechtbar, etwa so wie der Papst, und kann einzig und allein von der nächsten Bestenliste abgelöst werden. Die könne aber schon heute Nachmittag kommen … Viel Spaß beim Aufregen!
20 Filme, die man gesehen haben muss:
1.) “Nosferatu - eine Symphonie des Grauens”, F.W. Murnau, 1922
Ein visuelles Meisterwerk. Murnau, leider viel zu früh verstorben, ist einer der beeindruckendsten Expressionisten des deutschen Stummfilms. Die neu vertonte und kolorierte Fassung seines Dracula-Films - der übrigens nur nicht “Dracula” heißt, weil die Witwe Bram Stokers die Rechte nicht verkaufen wollte - ist übrigens auch sehr sehenswert.
2.) “M - eine Stadt sucht einen Möder”, Fritz Lang, 1931
Der erste Großstadt-Thriller schlechthin. Von “Angst über der Stadt” bis “Seven” verdanken letztlich alle Killer-Thriller ihre Existenz Fritz Langs Klassiker.
3.) “Die Marx Brothers in der Oper”, Sam Wood, 1935
Während andere Leinwandikonen der Zeit - etwa Chaplin oder Buster Keaton - noch heute fast jedem ein Begriff sind, geraten die Marx Brothers leider allmählich in die Vergessenheit. Was, um das mal ganz klar zu sagen, eine Schande ist.
4.) “Citizen Kane”, Orson Welles, 1941
Keine Worte.
5.) “La Strada”, Federico Fellini, 1954
Fellini hat den europäischen Film geprägt wie kein anderer. Seine surreale, bisweilen traum-hafte Erzählweise hat zahllose Filmemacher beeinflusst.
6.) “Plan 9 from Outer Space”, Ed Wood, 1958
Dieser Film findet hier Erwähnung stellvertretend für all die wunderbar schlechten Filme, mit denen man einen verregneten Sonntagnachmittag totschlagen kann, ohne anschließend zu glauben, man hätte etwas Sinnvolles getan. Wobei “Plan 9…” dermaßen absurd ist, dass er schon wieder gut wird.
7.) “Frühstück bei Tiffany”, Blake Edwars, 1961
Audrey Hebpurn ist eine der Filmlegenden des zwanzigsten Jahrhunderts. Zwar ist “Roman Holiday” witziger - aber “Breakfast at Tiffany’s” hat (vielleicht wegen der phantastischen Sonnenbrille?) einen Kultstatus erlangt, der Miss Hebpurn auf immer und ewig mit der Figur der Holly Golightly verschmelzen lässt.
8.) “Easy Rider”, Dennis Hopper, 1969
Jack Nicholson in seiner ersten großen Rolle; später in Cannes. Dennis Hopper. Peter Fonda. Und die Motorräder. Und die Frauen. Und die Drogen. Und Steppenwolf …
9.) “Uhrwerk Orange“, Stanley Kubrick, 1971
Die Anfangseinstellung ist eine der beeindruckendsten der gesamten Filmgeschichte. Kubrick hat es auf kongeniale Weise verstanden, aus Burgess’ Roman eine bittere, grelle, boshafte Satire zu machen.
10.) “Der Pate”, Francis Ford Coppola, 1971
Der Mafiafilm. Marlon Brando und Al Pacino spielen sich gegenseitig an die Wand. Für den ersten Teil bekam Brando den Oscar, für die Fortsetzung Pacino.
11.) “Der letzte Tango in Paris”, Bernardo Bertolucci, 1972
Und wieder Marlon Brando; diesmal in einer bis dato ungesehen freizügigen Inszenierung des jungen Bertolucci - ein schonungsloser, grandioser, melancholischer Film.
12.) “Taxi Driver”, Martin Scorsese, 1976
Jodie Foster als 13jähriger Prostituierte. Und Travis Bickle (Robert de Niro) vor dem Spiegel: “Are you talking to me?”
13.) “Manhattan“, Woody Allen, 1978
14.) “Jäger des Verlorenen Schatzes”, Steven Spielberg, 1981
Die ersten Empörungsschreie wird meine Nichtbeachtung der “Star Wars”-Filme ausgelöst haben, aber hiermit räume ich George Lucas, der das Popcorn-Kino mit seinem Freund Spielberg überhaupt erst erfunden hat, seinen Platz ein: Indiana Jones ist der Abenteurer der Achtziger, eine grandiose Figur; und um Längen besser als die krude Sternenmythologie.
15.) “E.T.”, Steven Spielberg, 1982
Spielberg macht Kassenerfolge mit Moral. Gar nicht mal einfach. Aber dem Mann gelingt (fast?) alles.
16.) “Edward mit den Scherenhänden”, Tim Burton, 1990
Eine Weile hatte Tim Burton als Zeichner für Disney gearbeitet, aber lange hielt er es beim Mickey-Mouse-Konzern nicht aus. Auf eigene Faust - und mit dem noch TV-Darsteller Johnny Depp - drehte er das bizarrste Märchen aller Zeiten.
17.)”Das Schweigen der Lämmer”, Jonathan Demme, 1992
Stephen King hat mal erklärt, dass Hannibal Lecter der Graf Dracula unserer Zeit sei. Noch Fragen?
18.) “Schindlers Liste”, Steven Spielberg, 1993
In den Neunzigern wendete Spielberg sich vermehrt ernsthaften Themen zu. “Schindlers Liste” und “Saving Private Ryan” zeigen, aus verschiedenen Blickwinkeln, den Zweiten Weltkrieg und die Auswirkungen des Nazi-Terrors; “A.I.” stellt in beeindruckender Weise die Frage nach der vermeintlichen “Künstlichkeit” artifizieller Wesen.
19.) “American Beauty”, Sam Mendes, 1999
Die Geschichte des Lester Burnahm entlarvt den (nicht nur) amerikanischen Vorstadt-Mythos als bizarre, traurige, komische Farce. Und Kevin Spacey bringt die Leistung seines Lebens.
20.) “The Hours“, Stephen Daldry, 2002
Charlotte Gainsbourg gruselt sich mit Lemmingen
Alain (Laurent Lucas) und Benedicte (Charlotte Gainsbourg) sind das junge, angepasste, erfolgreiche Paar schlechthin. Einer neuen Stelle für Alain wegen gerade in den Süden Frankreichs gezogen, gerät die Welt der beiden aus den Fugen, als sie Alains Chef (André Dussollier) und dessen Frau (Charlotte Rampling) zum Abendessen einladen…
“Lemming” variiert eines der Lieblingsthemen des französischen Films: Die Bourgeoisie; diesmal werden thrillerhafte Elemente à la Haneke mit Gruselfilmanleihen à la de Palma kombiniert. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, reicht aber an die Vorbilder nicht unbedingt heran.
Nichtdestotrotz empfiehlt sich “Lemming” als intelligenter, spannender Thriller für einen verregneten Sonntagnachmittag.
