Januar, 2008

30. Januar 2008

Anne (Isabelle Huppert) fährt mit ihrem Mann und ihren Kindern aufs Land. Aber ihr Haus ist bereits von einer anderen Familie besetzt. Die “Wolfzeit” ist ausgebrochen, die Endzeit, in der jeder für sich selbst Sorge zu tragen hat. Als er protestiert, wird Annes Mann von den Hausbesetzern erschossen. Mit nicht mehr als einem klapprigen, alten Fahrrad irrt Anne mit ihren Kindern durch eine kalte, trostlose Welt.

Hominus homini lupus est - der Mensch ist dem Menschen ein Wolf: Michael Hanekes Apokalypse wirkt so beängstigend, gerade weil der Zuschauer nie erfährt, wodurch die “Wolfzeit” ausgebrochen ist. In einem Interview erklärte der Regisseur, dass ihn die Ursachen einer Apokalypse - ein Atomkrieg, Umweltzerstörung, etc. - weit weniger interessierten, als die unmittelbaren Konsequenzen für den Umgang der Menschen miteinander.

In diesem Sinn ähnelt der Film den negativen Erziehungsromanen der Aufklärung (”Justine”); er treibt seine naiven Protagonisten von einer Katastrophe in die nächste. Eines Nachts, sie schlafen in einem kleinen Heuschuppen, verschwindet Annes Sohn Ben (Lucas Biscombe). In einer quälend langen Einstellung zeigt Haneke die verzweifelte Mutter, die - ohne Licht - immer wieder den Schein ihres kleinen Heufeuers verlässt, um das Kind zu suchen - vergeblich. Am nächsten Morgen kehrt er zurück, stumm; für den Rest des Films wird er es bleiben.

Natürlich verzichtet Haneke nicht auf die gängigen Endzeit-Typen: Im Verlauf ihrer Odyssee treffen Anne und die Kinder auf einen verwahrlosten Jungen, dem nur an seinem eigenen Heil liegt (der Anarchist), und, später, auf eine zusammengerottete Gruppe von Flüchtlingen, die an einem Bahnhof auf die sporadisch vorüberkommenden Züge warten. Sie werden von strengen, gewalttätigen Männern kontrolliert (die Faschisten). Solche Typen, die sich politisch interpretieren lassen, verwendete schon George Romero, der große Kino-Apokalyptiker, in “Dawn of the Dead”(1978). Die Züge verkörpern die Hoffnung - die Haneke seinen Protagonisten konsquent verweigert. Gelegentlich ist die Rede von religiösen Fanatikern, die in der “Wolfzeit” eine Strafe sehen, für die Buße getan werden muss - spätestens hier können Parallelen zu Ingmar Bergmanns Klassiker “Das Siebente Siegel” (1957) gezogen werden.

“Wolfzeit” wurde von der Kritik gefeiert und gleichzeitig - es ist eben ein Haneke-Film - vom Publikum größtenteils verschmäht. Er lässt sich kaum einem Genre zuordnen, aber die minimalistische und konzentrierte Inszenierung weiß zu beeindrucken. Haneke hat seinen bislang berühmtesten Film, den Thriller “Funny Games” (1998) gerade in den Vereinigten Staaten neu verfilmt als “Funny Games US” (2008).


25. Januar 2008

“Control” 

Anton Corbijns Portrait des Joy-Division-Sängers Ian Curtis überzeugt vor Allem visuell: In grobkörnigem, kontrastreichen Schwarzweiß fängt der Fotograf Corbijn die Tristesse englischer Arbeiterstädte der Siebziger ein. Sam Riley, der Curtis spielt, taumelt mit einem leeren, apathischen Blick durch die Straßen. Allerdings leidet der Film - er basiert auf dem Erinnerungsbuch von Curtis’ Witwe, die auch produziert hat - etwas an der Distanz, die er zu wahren versucht: Nicht mal an Curtis selbst traut er sich so richtig heran; von anderen (noch lebenden) Figuren ganz zu schweigen. “Control” ist ein brillantes Stück Kino im Wortsinn, aber bestimmt nicht das Psychogramm eines depressiven, einsamen Jungen. Den Part überlässt Corbijn anderen. Im Rahmen seines Könnens aber erzählt der Regisseur, der eigentlich Fotograf (er begleitete in den späten Siebzigern Joy Division) und Videoclip-Regisseur (U2) ist, eine tragische, düstere Geschichte vom langen Tod eines begabten Jungen.


23. Januar 2008

The Hours“, Stephen Daldrys Verfilmung des gleichnamigen Romans von Michael Cunningham, ist ein leiser, beeindruckender Film über Frauen, die versuchen, ein selbstbestimmtes Leben zu erreichen.

Ein Tag im Leben dreier Frauen: Virginia Woolf (Nicole Kidman) schreibt an ihrer Novelle “Mrs. Dalloway”, die - 50 Jahre später - Linda Brown (Julianne Moore) zu einem folgenreichen Entschluss bewegt. Wiederum 50 Jahre später bereitet Clarissa Vaughan (Meryl Streep) eine Party für einen aidskranken Freund (Ed Harris) vor. Er nannte sie immer “Mrs. Dalloway” …

Virtuos verknüpft Regisseur Stephen Daldry die Episoden zu einer komplexen Erzählung über Künstlertum und Tod, Homosexualität und das Entdecken der eigenen Individualiät. Die Schauspielerinnen liefern die (bisherigen) Glanzleistungen ihrer Karriere ab; Kidman gewann einen Oscar. Im Innern zusammengehalten wird dieser tragisch-schöne Teppich miteinander verflochtener Schicksale aber durch die elegische Musik Phillip Glass’.

“Billy Elliott”-Regisseur Stephen Daldry gelang mit dieser ruhigen, intelligenten Literaturverfilmung eines der besten Dramen der letzten Jahre - unbedingt sehenswert.


23. Januar 2008

Filme wie “1o things I hate about you” und “A knight’s tale” machten ihn berühmt, aber an weiteren Rollen im seichten Fahrwasser des Teenie-Films war Ledger nie interessiert. In “Monster’s Ball”, “Dogtown Boys”, “Brothers Grimm” und Ang Lees lakonischer Verlierer-Ballade “Brokeback Mountain” bewies er sich als vielseitiger, ernsthafter Darsteller. Beim Dreh von “Brokeback Mountain” lernte er seine spätere Frau Michelle Williams kennen, mit ihr hatte er eine zweijährige Tochter. Das Paar trennte sich 2007. Zum Zeitpunkt seines Todes scheint Heath Ledgers Filmkarriere auf ihrem Höhepunkt angelangt: In “The Dark Knight” (der im Sommer ins Kino kommt) verkörperte er den Batman-Gegenspieler Joker - ein Part, den zuletzt Jack Nicholson stemmte. Die Bob-Dylan-Biographie “I’m not there” erntet phantastische Kritiken. Zuletzt arbeitete Ledger, nach “Brothers Grimm”, erneut mit Terry Gilliam zusammen. Ledger besaß das Rückrat - und den Ehrgeiz -, konsequent nur Angebote anzunehmen, die ihn künstlerisch befriedigen konnten. Er mag nicht so populär gewesen sein wie Christian Bale, Leonardo DiCaprio oder Jake Gyllenhall - herausragendes Talent hatte er allemal. Heath Ledger wurde am Donnerstag tot in seiner Wohnung in New York gefunden. Die Todesursache steht noch nicht fest.


22. Januar 2008

Das Hollywood-Blatt “Variety” will in Erfahrung gebracht haben, dass Quentin Tarantino (”Pulp Fiction”, “Reservoir Dogs”) ein Remake des Russ-Meyer-Streifens “Faster, Pussycat! Kill! Kill!” (1965) erwägt. Der Film hat in Deutschland unter dem Titel “Die Satansweiber von Tittfield” einschlägige Berühmtheit erlangt. Zuletzt zeigte Arte ihn in der Reihe “Trash am Montag”. Einen Wunsch-Cast hat der “Kill Bill”-Regisseur übrigens auch: Die drei “Satansweiber” sollen von Kim Kardashian, Eva Mendes und Britney Spears dargestellt werden.

Allerdings denkt Tarantino des Öfteren vor eingeschaltenen Mikrofonen über mögliche Projekte nach. So bewarb er sich vor drei Jahren um die Regie beim nächsten James-Bond-Film. Und was “Faster, Pussycat …” betrifft - er produziert mit “Hell Ride” gerade einen Film, der ziemlich ähnlich klingt - mal abgesehen davon, dass sein letzter Streifen, das Action-Roadmovie “Death Proof”, schon voller Meyer-Zitate war … Womöglich alles nur Promotion? Trotzdem eine witzige Vorstellung.

Für den Fall, dass Ihnen das Werk Russ Meyers nicht geläufig ist, füge ich den Trailer zu “Faster, Pussycat…” an:


Cloverfield gestartet

Author: Fin
21. Januar 2008

J. J. Abrams’ letzter Streich, der Monsterstreifen “Cloverfield”, hat am Wochenende mal eben 41 Millionen US-Dollar eingespielt.

Da dieser Artikel in einer halben Stunde auch noch lesenswert und aktuell sein soll, verzichte ich auf eine Umrechnung in Euro. Das Einspielergebnis des amerikanischen “Godzilla” ist insofern bemerkenswert, als es der erfolgreichste Januar-Start seit 1997 ist: Damals kamen die überarbeiteten “Star Wars”-Filme in die Säle.

Cloverfield” handelt vom Angriff eines urzeitlichen Monsters - das im Vorfeld des Öfteren mit Lovecraft-Kreaturen verglichen wurde - auf die Stadt New York. Wie in “The Blair Witch Project” wird die ganze Handlung in den verwackelten, pseudo-dokumentarischen Bildern einer Handkamera erzählt.

Der Hype um den Film wurde in den vergangenen Monaten durch eine komplexe, virale Marketingkampagne angespornt; die ersten Kritiken legen nahe, dass die Filmemacher den PR-Strategen ebenbürtig sind… Sobald er in Deutschland startet (31.1.), folgt hier eine ausführliche Besprechung.


20. Januar 2008

Oliver Stone ist ein mal mehr, mal weniger begabter Regisseur.

Zu seinen Glanzleistungen zählen “Platoon” (1986), das Drehbuch zu “Scarface” (1983) und “JFK” (1991); weniger erfreulich war seine Adaption des Tarantino-Skripts “Natural Born Killers” (1994) oder sein schwülstiges “World Trade Center” (2006). Differenzierte Töne mag der Vietnam-Veteran nicht - als “Holzhammer-Moral” wurde seine Herangehensweise an “Natural Born Killers” mal bezeichnet, und da ist was dran.

Trotzdem gibt man ihm immer wieder eine Chance, denn seine besseren Werke gehören zweifellos zu den besten politischen Filmen, die Hollywood je hervorgebracht hat. Und, ach ja, manchmal geht’s auch ohne Moral: Der kleine, dreckige “U-Turn” ist einfach cool.

Das Hollywood-Blatt “Daily Variety” ließ am Wochenende verlauten, dass Stone zurzeit an der Finanzierung eines George-W.-Bush-Biopics arbeite. Was Präsidentenfilme betrifft, ist Stone ein ausgewiesener Kenner: Er (”JFK”; “Nixon”, 1995) hat das Genre wahrscheinlich überhaupt erst erfunden.

Die Hauptrolle soll James Brolin übernehmen. Stone erklärte, er wolle sich auf die Wandlung Bushs vom “Alkoholiker zur mächtigsten Figur der Welt” konzentrieren. In die Anti-Bush-Polemik wolle er freilich nicht einfallen. Der Film soll möglichst zeitnah zu den amerikanischen Präsidentschaftswahlen in die Kinos kommen.


19. Januar 2008

Was “A Clockwork Orange“, “Natural Born Killers” und “Funny Games” in Ausschnitten beleuchteten, fasst David Cronenberg in seiner nüchternen “History of Violence” zusammen - Mit Erfolg.

Tom Stall (Viggo Mortensen) führt ein kleines Diner in einer idyllischen, fast zu gewöhnlichen, amerikanischen Kleinstadt. Mit seiner Frau (Maria Bello), die Anwältin ist, und seinen beiden Kindern wohnt er in einem großen, schönen Haus etwas außerhalb der Stadt. Bis “Stall’s Diner” von zwei Gangstern überfallen wird. Im Angesicht der Bedrohung wächst der unscheinbare, schüchterne Tom über sich hinaus; überwältigt und erschießt die Angreifer. Am nächsten Tag feiern ihn die Medien als lokalen Helden - und mit seiner plötzlichen Berühmtheit kommen auch ein paar undurchsichtige Besucher aus Philadelphia, die ihn unter einem anderen Namen kennen wollen, und beteuern, dass er vor fast zwanzig Jahren einer von ihnen war …

David Cronenbergs differenzierte Gewaltstudie nach der gleichnamigen Graphic Novel von John Wagner und Vince Locke gehört zu den besten Filmen des kanadischen Regisseurs, der mit “Die Fliege” (1986) und “Scanners” (1981) seine größten Erfolge feierte. Im Gewand eines gewöhnlichen Thrillers daherkommend, entpuppt sich “A History of Violence” als ein unerschöpflicher Reigen der Gewalt, der - neben verschiedenen Arten der Gewalt - auch die erzählerischen Blickwinkel reflektiert: Mal nüchtern (in der Eingangssequenz), dann empathisch (wenn Tom seine Familie verteidigt), später grotesk (im Finale). Eine konsequente “History of Violence” eben.

Cronenbergs neuer Film, “Eastern Promises” (deutsch: “Tödliche Versprechen”), läuft seit dem 27. Dezember in deutschen Kinos, ich bin aber bislang noch nicht dazu gekommen, ihn zu sehen - eine Nachlässigkeit, die ich so bald wie möglich nachholen werde. Dann findet sich hier auch eine entsprechende Würdigung… ;-)


15. Januar 2008

Claude Chabrols neuer Film “Die zweigeteilte Frau” erzählt von einer verhängnisvollen Dreiecks-Konstellation.

Gabrielle (Ludivine Sagnier) ist die junge Wetterfee eines regionalen TV-Senders, Paul (Benoît Magimel) der millionenschwere Erbe einer Unternehmerfamilie, und Charles (Francois Berléand) ein alter Bestseller-Autor. Beide Männer begehren die bildschöne Gabrielle; sie verliebt sich in den Schriftsteller. Er nutzt sie aus und lässt sie fallen, als er genug von ihr hat. Frustriert heiratet Gabrielle den jungen Paul. Doch die Lasten ihrer Beziehung zu Charles wiegen zu schwer, als dass sie einfach abgestreift werden könnten …

Claude Chabrols Film ist nicht irgendein weiteres Eifersuchtsdrama: Sagniers Darstellung des jungen Mädchens, das einem alten Mann verfällt, reicht über das Klischee hinaus: Gabrielle ist eigenständig, nicht perfekt, verletztlich und zugleich verletzend. Sie nutzt Paul in dem Maße aus, wie sie von Charles ausgenutzt wird - und der große, tragische Verlierer ist am Ende der vermeintlich arrogante, großkotzige Erbe aus großbürgerlichen Verhältnissen. Chabrol erzählt davon, wie leichtfertig mit der Liebe gespielt wird, und wie entsetzlich ihre Konsequenzen sein können.

Sagnier trägt den Film, dessen Handlung letztlich nah am Kitsch verläuft, mit ihrem leichten, souveränen Spiel; Berléand als alter Schwerenöter wirkt überzeugend, nur Magimels Part triftet gelegentlich zu stark in die Karikatur. Dennoch: Claude Chabrol ist ein kleines, famoses Drama gelungen - “Die zweigeteilte Frau” ist ein früher Höhepunkt des Kinojahres.


14. Januar 2008

“Hinter seiner Brille verbarg sich die mühsam gezügelte sexuelle Energie einer Dschungelkatze.”

Manhattan” ist in mancher Hinsicht Woody Allens Meisterwerk: Ein leichter, melancholischer Film, der einige Episoden aus dem Leben des Schrifstellers Isaac (Allen) erzählt. Die Eingangssequenz ist in die Filmgeschichte eingegangen; eine Montage aus über 40 Einstellungen auf New York, unterlegt von Gershwins “Rhapsody in Blue”, und darüber mehrere Versionen des ersten Kapitels eines Romans, den der verkrachte Allen-Charakter zu schreiben versucht; freilich erfolglos. Als schreibfreudig dagegen erweist sich seine lesbische Ex-Frau (Meryl Streep), die in ihrer Autobiografie darstellt, wie Isaac sie und ihre Geliebte überfahren wollte. Der Gescholtene sucht die Liebe einer Anderen (Diane Keaton), aber spätestens, als deren Psychiater sie auf einem Drogentrip anruft, beginnt auch diese Beziehung zu bröckeln…

Angesichts seines Gesamtwerks hat der Film fast archteypische Qualitäten: Alle Themen - Existenzangst und die Frage nach Gott, Psychoanalyse, Sex und warum er lustig ist, Intellektuelle und ihre merkwürdigen Sorgen, Jazz, Kafka, Bergman, Freud - werden behandelt; stellenweise erweckt “Manhattan” den Verdacht, Allen habe ihn nur gemacht, um den eigenen Charakter auf Celluloid zu prägen. Zum Beispiel in der vorletzten Szene, wenn der verhinderte Schriftsteller Isaac auf seiner Couch liegt und sich ins Tonbandgerät Gründe diktiert, “warum das Leben lebenswert ist”: Mozart, Cézanne, Groucho Marx …

Die Filme des großen New-York-Regisseurs Woody Allen wären ein weiterer Grund für Isaacs Kassette.


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