Dezember, 2007
Keira liebt Oscar
Der Roman “Abbitte” wurde bei seinem Erscheinen vor fünf Jahren von Kritik und Lesern euphorisch gefeiert.
Klar, dass eine Verfilmung nahelag. Nun läuft sie im Kino, mit Keira Knightley und James McAvoy in den Hauptrollen. Regie führte Joe Wright, der vor zwei Jahren mit “Stolz und Vorurteil” - ebenfalls mit Knightley - bewies, dass er sich auf Literaturverfilmungen versteht. Seine Hauptdarstellerin wurde damals für den Oscar nominiert.
Aber die Zäsur, die dem Roman eine merkwürdige Spannung verlieh, schadet dem Film beträchtlich. Das liegt letztlich an McEwans Geschichte, die sich in ihrer Komplexität - ständig wechseln die Perspektiven und Schauplätze; er schildert die britische Klassengesellschaft der Vorkriegsjahre, danach den Krieg selbst, und reflektiert nicht zuletzt über das Schreiben - gegen eine Leinwandadaption sträubt. Deshalb ist “Abbitte” kein schlechter Film, bloß, an das Buch reicht er nicht heran. Gewiss, werden Sie sagen, das ist ein alter Gemeinplatz: “Die Filme sind nie so gut wie das Buch!”, aber den teile ich nicht. Lesen Sie mal “Das Schweigen der Lämmer” oder “Dracula”. Es gibt sie, und gar nicht so selten, die Filme, die ihre Vorlangen übertreffen. Im vorliegenden Fall war das nur schwer möglich. Dennoch beeindrucken Schauspieler, Musik, Kamera, Ausstattung. In vielerlei Hinsicht ist “Abbitte” sehr gelungen; und der erste Teil fängt die schwüle, dekadente Landhausatmosphäre des Buches hervorragend ein. Er entfaltet sich langsam, zäh, und schnappt umso gemeiner zu - ein boshaftes Kammerspiel mit schlechtem Ausgang. Die Tragödie ist absehbar, und doch nicht vermeidbar - Erotik und Zerstörung liegen bei McEwan dicht beieinander (”Der Trost von Fremden“, “Der Zementgarten”); und auch der Film hat hier seine Stärke. Danach werden die Charaktere durch den Krieg getrennt, und gezwungenermaßen beschreibt Wright den Krieg in Frankreich und die Evakuierung von Dünkirchen, zugleich das Schicksal der Krankenschwestern, die im umkämpften London Verwundete pflegen müssen. Manches wirkt obligatorisch; etwa die massakrierten Nonnen. Anderes ist ehrlich, unmittelbar, und schön. Aber insgesamt kann dieser Film, leider, dem Buch nicht das Wasser reichen. Darf ja auch mal sein, oder?
Raucher l(i)eben besser
New York hat viele Kulturschaffende hervorgebracht - unter den Filmemachern Abel Ferrara, Sidney Lumet, Woody Allen, Martin Scorsese; unter Schriftstellern Truman Capote, J.D. Salinger, Arthur Miller, Ira Levin und andere mehr. Dort, wo das filmische und das literarische New York aufeinander treffen, ist 1995 “Smoke” entstanden, eine Gemeinschaftsproduktion von Regisseur Wayne Wang und Schriftsteller Paul Auster (”Stadt aus Glas”).
“Smoke” erzählt in fünf Episoden Geschichten aus der Welt von Auggie Wren (Harvey Keitel), einem Tabakladenbesitzer irgendwo in Brooklyn. Sein Tabakladen ist mehr als ein Geschäft, er ist ein sozialer Treffpunkt, man plaudert, raucht; Geschichten beginnen hier, andere finden ihr Ende. Da ist der Schriftsteller (William Hurt), der seit dem Tod seiner Frau nicht mehr richtig schreiben kann; oder der junge Rashid (Harold Perrineau Jr.), der immerzu lügen muss; oder die einäugige Ruby McNutt (Stockard Channing), die Auggie beichtet, dass er eine Tochter hat …
Regisseur Wang und Drehbuchautor Auster verstehen es hervorragend, die Geschichten ihrer Figuren zu erzählen. Der Film wird von einer heiteren Melancholie getragen, die in Auggies abschließender Weihnachtserzählung gipfelt, einer unglaublich schönen und unglaublich traurigen Story, die Auster seinerzeit bei der “New York Times” einreichte. Damals schrieb er noch unter dem Pseudonym Paul Benjamin. So heißt im Film der Schriftsteller, den William Hurt darstellt.
Der Film wirkt wie eine Collage aus kleinen, pointierten Momentaufnahmen des New Yorker Stadtteils Brooklyn; und ist als solcher in die Filmgeschichte eingegangen. Der improvisierte Nachfolger “Blue in the Face“, mit Gastauftritten von Jim Jarmusch, Madonna, Lou Reed und Michael J. Fox, vermochte nicht mehr in gleicher Weise zu fesseln, fand aber auch sein Publikum. Auster führte übrigens ein paar Jahre später selbst Regie in “Lulu on the bridge”; sein erzählerisches Werk - und besonders das “Buch der Illusionen” - ist durchdrungen von Verweisen auf das klassische Kino.
Peter Jackson produziert den “Kleinen Hobbit”
Na endlich - mein persönlicher Lieblingstolkien wird verfilmt! Gestern haben sich die New-Line-Cinema-Studios (”Der Herr der Ringe”, “Der Goldene Kompass“) und Peter Jackson sowie seine Frau Fran Walsh, die ebenfalls maßgeblich an der erfolreichen “Lord of the Rings”-Trilogie beteiligt war, geeinigt. Eigentlich sah es nicht mehr danach aus, als würden sich die Beteiligten der erfolgreichen Tolkien-Filme noch einmal zusammenraufen; in letzter Minute aber - so berichtet der “Spiegel” - habe das Studio schließlich klein beigegeben. Eine Nicht-Beteiligung Jacksons wollte es nicht riskieren - in den vergangenen Monaten drohten unzählige Tolkien-Fans in Blogs und Websites, einen Hobbit-Film, der nicht Jacksons Namen im Abspann trage, zu boykottieren. Wermutstropfen: Regie führen wird der begabte Neuseeländer (”Heavenly Creatures”, “Braindead”) allerdings nicht - Jackson und seine Frau wollen sich auf die Produktion konzentrieren. Ab Januar wollen sie nach geeigneten Drehbuchautoren und Regisseuren Ausschau halten. “Der Kleine Hobbit” soll in zwei Teilen für die Leinwand adaptiert werden. Einen Starttermin gibt es noch nicht.
Jahrmarktsspektakel für Millionen
Der dritte Teil der erfolgreichen Piratenmär “Fluch der Karibik” macht endlich wahr, was man seit dem ersten erwartet hatte: Eine zusammenhanglose Achterbahnfahrt durch millionenteure Kulissen.
Nicht mal Johnny Depp, der für seine Darstellung des Captain Jack Sparrow immerhin Oscar-nominiert wurde, kann dem Film ein wenig Tiefe geben; alles dümpelt irgendwie im Seichten. Die Effekte sind teurer, alles ist etwas größer - aber erwartet man von einer Jerry-Bruckheimer-Produktion das nicht sowieso? Gelegentlich lässt der Film zwar durchblicken, dass Autoren am Skript beteiligt waren. Aber diese Momente sind unausgegoren: Einmal alberne Lach-Szenen, wie man sie in einem klassischen Disney-Film erwarten darf (beispielsweise, wenn Sparrow den beiden Wachen die Kiste klaut), kurz darauf Ekeleffekte (man denke daran, was Davy Jones mit seinen Tentakeln zu tun imstande ist), die von vornerein verhindern, dass der Streifen eine Altersfreigabe erhält, die dem ersten Witz gerechet würde. Keith Richards’ Auftritt als Sparrow senior macht wenigstens schmunzeln; aber die längste Zeit kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, eine effekthascherische, unausgegorene Achterbahnfahrt zu erleben. Übrigens sind bereits Gerüchte über einen vierten Teil im Umlauf - bleibt nur zu hoffen, dass Hollywoods Drehbuchautoren bis dahin ihren Streit beendet haben.
Sweeney Todd - Opening Titles
Jüngst wurden die Opening Titles von Tim Burtons “Sweeney Todd”-Adaption online gestellt. Ich muss gestehen, anfangs hatte ich so meine Bedenken, als es hieß, dass Johnny Depp singen würde. Aber die Bilder sind so glibberig-eklig, die Musik so düster und schwülstig, und überhaupt - von mir aus kann’s losgehen. Sieht so aus, als würde der desginierte Weihnachtsfilm “Der Goldene Kompass” dieses Jahr von einer Musical-Kannibalen-Mär ausgestochen.
George Romero
“Night of the living dead” (1968) ist zunächst und vor Allem brachialer, kompromissloser Horror. Eine politische Allegorie verbirgt sich in der düsteren Idee freilich auch; aber das war zunächst gar nicht entscheidend. Als der Film herauskam, 1968, war er in seiner Unmittelbarkeit, seinem Pessimismus und seiner Brutalität beispiellos. Moderne Rezensenten legen großen Wert darauf, ihn als düstere Kritik am Vietnam-Krieg und am amerikanischen Rassismus der 50er zu sehen, aber ich kann mir nicht unbedingt vorstellen, dass er damals sofort - und: in erster Linie - als solche gesehen wurde. Zunächst war es eben ein Horrorfilm, und zwar ein ganz neuer, frischer, unverbrauchter Typus. “Horror” war bis dato oft Grusel gewesen, meistens Romantik - von “Nosferatu” (1922) über “White Zombie” (1932) bis zu den Dracula-Filmen der Hammer-Studios aus den Fünfzigern. Mit Romeros Zombies kam ein nackter, realistischer Terror ins Kino, der die alten Schreckgespenster ins Reich der Märchen verbannte.
Das beeindruckte. Und inspirierte viele Filmemacher. Natürlich hat Romero nicht das Rad neu erfunden; die klaustrophobische Grundsituation gab es beispielsweise schon in “Gangster in Key Largo” (1948). Aber die Radikalität und der Realismus, mit denen er seine Geschichte ausstattet, waren ungesehen. Deshalb kann man, denke ich, mit Fug und Recht sagen, dass er ein ganzes Genre begründet hat. Ein Genre freilich, das bis heute von seinen Filmen lebt. Denn Romeros Zombiefilme sind über die Jahre jung geblieben; sie haben sich - bis auf, hin und wieder, der dritte Teil “Day of the Dead” - dem Zeitgeist kaum angepasst. Die Helden, die Situationen, Bedrohungen und Ängste sind archaisch; sie lassen sich in jeder Zeit und jeder Gesellschaft denken. Das ist der enorme Vorteil des Horror-Klassikers Romero, der immer auch politisch war; bloß, dass man’s nicht sah, wenn man’s nicht sehen wollte. Es ist zugleich sein Kreuz: Denn jenseits vom Horror hat er wenig gemacht. Dabei darf man, angesichts der Konflikte, denen er beispielsweise in “Zombie” viel Platz einräumt, von seinen Qualitäten als Chronist zwischenmenschlicher Tragödien ausgehen. Sein intensivster Film ist denn auch keiner der Zombie-Streifen, sondern der alptraumhafte, psychotische “Martin”, in dem die Frage nach Horror und Realität direkt gestellt wird: Martin denkt, er sei ein Vampir, oder vielleicht hat er, von seinem fanatischen Großvater beeinflusst, gelernt, es zu denken. Der Film zeigt, wie er Menschen mit Rasiermessern aufschlitzt und ihr Blut trinkt - ein klassischer Vampir, mit spitzen Eckzähnen und Umhang, ist das nicht. Ist er ein Vampir, oder nicht? Romero hat den Horror, der vorher der Zerstreuung diente, Spaß machen sollte, in den Alltag gebracht und gezeigt, dass er authentisch sein kann, unmittelbar, und bedenkenswert. Die wenigsten seiner Filme waren kommerziell erfolgreich; stilprägend waren sie allemal.
Filmographie:
Night of the living dead (1968)
There’s always Vanilla (1971)
Seasons of the Witch (1972)
Crazies (19739
Martin (1977)
Zombie (1978)
Knightriders (1981)
Creepshow (1982)
Day of the Dead (1984)
Monkey Shines (1988)
Two Evil Eyes (1990)
Stephen King’s Stark (1993)
Bruiser (2000)
Land of the Dead (2005)
Diary of the Dead (2007)
Gucci und Gedärme
… sowie Kettensägen, Visitenkarten und Huey Lewis: Willkommen in der Welt des “American Psycho”!
Wenn die Presse sich vorab echauffiert, dieses oder jenes Buch sei “unverfilmbar”, sollte man aufhorchen: Die Verfilmungen sind oft sehr gelungen. Peter Jackson hielt nicht viel von dem hässlichen kleinen Adjektiv und machte den “Herrn der Ringe”. Auch Mary Harron (”I shot Andy Warhol”) ließ sich nicht abschrecken und wagte eine Verfilmung des Romans von Bret Easton Ellis. Der war verschiedentlich durch seine nicht eben zimperlichen Gewaltszenen aufgefallen.
Erzählt wird, in lakonischer, banaler Sprache, die an Markennamen nicht geizt, von Patrick Bateman, einem lebens-müden, depressiven, leeren Yuppie, der sich im New York der Achtziger von einem Mord zum nächsten träumt. Elke Heidenreichs Kommentar zu “American Psycho” - sie vergleicht das Buch mal eben mit Picassos “Guernica” - wird bis heute auf der hinteren Klappe der deutschen Taschenbuchausgabe abgedruckt.
Mary Harron spart die Gewalt nicht völlig aus, reduziert sie aber beträchtlich - und macht aus der irgendwie tragischen Satire eine boshafte schwarze Komödie. Christian Bale als Patrick Bateman hat (bislang) nicht wieder so gut gespielt; und Reese Witherspoon als seine oberflächliche Freundin ist gleichzeitg komisch und zum Heulen. Der Film legt großen Wert darauf, die Epoche, besonders in modischer Hinsicht, exakt abzubilden; die Liebe zum Detail sieht man ihm an. Der Soundtrack ist eine ironische Best-of-80s, und sogar Willem Dafoe als Detektiv ist ausnahmsweise cool. Übrigens ist “American Psycho” auch hinsichtlich perfekter männlicher Körperpflege äußerst lehrreich.
The Dark Knight
Noch ist ein Trailer online …
Ein hübsches Poster zur “Batman Begins”-Fortsetzung “The Dark Knight“, angekündigt für Sommer 2008. Ist eigentlich ein Teaser-Poster, und es gibt inzwischen die offiziellen - aber dieses hier ist einfach das coolste. Mit dabei sind wieder Christian Bale und Michael Caine, ferner Maggie Gyllenhall (”Secretary”, “Stranger than Fiction”), Jason Reitman (”Thank you for smoking”) und, als Joker, Heath Ledger (”Brokeback Mountain”). Sieht so aus, als hätten die Maskenbilder einiges zu tun gehabt. Ledger hat sich damit was vorgenommen - der Letzte, der den Joker mimte, war Jack Nicholson in Tim Burtons “Batman”; und sein Spiel war, nun - merk-würdig. Mal schau’n, was der Cowboy unserer Herzen draus macht.
Das Grauen … Das Grauen …
Die Rezension von Coppolas “Apocalypse Now“ (1979) bedarf eines Größenwahns, über den ich nicht verfüge. “Apocalypse Now”, soviel sei gesagt, ist einer der wenigen Filme, die ich wieder und wieder anschauen kann. Coppola hat das Kino im Alleingang neu erfunden. Gestern Abend veranstaltete die Englische Philologie der Freien Universität eine kleine Vorführung, da die Erstsemester gerade Conrads “Heart of Darkness” lesen. Ich bin freilich kein Student; meine Freundin nahm mich mit. Im Folgenden ein paar Anmerkungen zu dem Film, zu Marlon Brando, Gekicher und Englisch-Dozenten.
1. “Saigon” ist das erste gesprochene Wort in “Apocalypse Now”, kurz darauf: “Shit”. Bisher hatte ich den Film nur auf Deutsch gesehen. Ehrlich gesagt, die deutsche Synchronstimme von Martin Sheen macht, finde ich, einen besseren Job als das Original. Sie ist heiser & erschöpft & resigniert, während - wenigstens für meine, nicht-englischen, Ohren - Sheen selbst seine Stimme relativ neutral temperiert. Klar, kann auch an mir liegen.
2. Irgendwo, ziemlich am Anfang von “Heart of Darkness”, wird der Schädel des Elfenbeinhändlers Kurtz verglichen mit einer blankpolierten Billardkugel. Die ersten Einstellungen, in denen Brando gezeigt wird, zitieren diese Stelle so deutlich, dass die Glatze von Col. Kurtz und die Idee der Billardkugel eins zu werden scheinen: Lässig.
3. Die Studenten, das heißt, mehrheitlich waren es Studentinnen, haben sich vermutlich für das Fach entschieden, weil ihnen in der zehnten Klasse “About a Boy”, “Gilmore Girls” oder die Alben von Green Day besonders gut gefallen haben. Jetzt haben sie ein Buch gelesen, für die Uni und so, und als Brando zum “The Horror, the horror” ansetzte, ging ein verschwörerisches Kichern durch die Reihen wie ein Schulterklopfen. Man fühlt sich fast ein bisschen als Verräter, wenn man dann eingestehen muss, das Buch zuhause, in der Badewanne, weniger der Bildung, als der Unterhaltung wegen gelesen zu haben.
4. Schön war ein Zitat des Drehbuchautors, das der Dozent vorlas: “Apocalypse Now” sei kein Antikriegsfilm, weil es dergleichen nicht geben kann - genausowenig könne man eine Film gegen den Regen machen.
Insgesamt ein interessanter Abend, der ein paar neue Erkentnisse brachte; und die Gewissheit, dass man diesen Film lieber nicht rezensieren sollte. Ich kann den nächsten Filmabend, zu dem auch Nicht-Studierende eingeladen werden, kaum erwarten. ![]()
The terrible old Man
Der Vorleser ist irgendwie merkwürdig. Aber der kleine Amateur-Film nach einer Lovecraft-Geschichte macht Spaß - und ist um einiges besser als die vielen “richtigen” Verfilmungen wie “Dagon” (2001). Die einzigen Lovecraft-Adaptionen, die bisher halbwegs gut waren, sind Carpenters “Mächte des Wahnsinns” und “Re-Animator“, beides ziemlich freie Umsetzungen der ursprünglichen Geschichten. Aber es gibt Hoffnung: “Pans Labyrinth”-Regisseur Guillermo del Torro hat angekündigt, “Berge des Wahnsinns” zu verfilmen… ![]()
