November, 2007

30. November 2007

“Bad Santa” (2003): Billy Bob Thornton, die Zweite.

Der Weihnachtsmann ist so besoffen, dass er es nicht mal bis zu seinem Stuhl schafft. Irgendwie hievt er sich dann doch hoch, sitzt zusammengesunken auf der Bühne, unrasiert, nur halb bei Bewusstsein, und hört sich die Wünsche der Kinder an. Willie T. Stoke (Billy Bob Thornton) ist, soviel wird rasch klar, kein Kaufhaus-Weihnachtsmann aus Leidenschaft. Der notorische Trinker und Frauenheld schlüpft in das rote Kostüm, weil es ihm Zugang verschafft zu den Tresoren der Kaufhäuser. Statt Geschenke zu bringen, raubt der Weihnachtsmann uns aus - ein “Bad Santa”, fürwahr!

“Bad Santa” ist eine tolle - und längst überfällige - Satire auf die Weihnachtsindustriefreude. Thornton ist sein Vergnügen am saufenden, kinderhassenden, sexsüchtigen Weihnachtsräuber jederzeit anzusehen. Ein boshafter, gemeiner Weihnachtsfilm. Regisseur Terry Zwighoff rächt sich im Namen aller genervten Erwachsenen dieser Welt am Diktat des rotweißen Kitschs. Mein persönlicher Pflicht-Adventsfilm.


War da was?

Author: Fin
30. November 2007

Alle sind Sünder, ausnahmslos: Billy Bob Thornton, die Erste.

Gerechtigkeit gibt’s nicht. Und wenn der apathische, kettenrauchende Friseur (Billy Bob Thornton) die erstbeste Gelegenheit ergreift, um seinem trostlosen Dasein zu entfliehen, dann steht am Ende unweigerlich der Tod. Die Coen-Brüder haben schon mit ihrem Debüt “Blood Simple” (1984) bewiesen, dass sie brillante Krimis in Noir-Tradition inszenieren können. “The Man who wasn’t there” ist klassisches amerikanisches Erzählkino der 40er-Jahre, manche Stellen könnten von John Ford sein, andere von Huston oder Hitchcock. In brillantem Schwarz-Weiß, das zunehmend düsterer wird, verfolgt der Film seine tragischen Charakter, und wäre da nicht Thorntons lakonischer Kommentar aus dem Off, die Inszenierung würde zuweilen an eine Versuchsanordnung erinnern: Man nehme einen Haufen kaputter Charaktere, zu gleichen Teilen Geld und Sex, und ein paar Stücke von Beethoven. Was dabei rauskommt? Einer der besten Filme der letzten Jahre. Wer sich für die Romane von Jim Thompson oder Dashiell Hammett begeistern kann, wird “The Man who wasn’t there” lieben.


Ein warmes Plätzchen

Author: Fin
23. November 2007

“Man is the warmest place to hide”

Als John Carpenter sein Remake des 50er-Horrorfilmchens “Das Ding aus einer anderen Welt” (USA, 1951) in die Kinos brachte, war er auf dem Höhepunkt seines Schaffens angelangt: “Halloween - Die Nacht des Grauens” (1978) hatte ein Genre begründet; “The Fog” (1979) war ein handwerklich perfekter Gruselfilm; “Die Klapperschlange” (1980) wies dem angestaubten Actionkino neue Impulse. “The Thing” war Carpenters erster Film für ein großes Studio (Universal) - und floppte. Es gibt zwei denkbare Begründungen für den kommerziellen Misserfolg des Films. Zunächst ist “The Thing” ein relativ brutaler Streifen, die Splattereffekte sind für eine Mainstream-Produktion ungewöhnlich explizit. Und dann war da “E.T.” - Spielbergs Parabel vom freundlichen Außerirdischen kam zwei Wochen vor Carpenters boshaftem Horror in die Kinos. Vielleicht hatte man einfach keine Lust auf menschenfressende Aliens?

An der Qualität kann es jedenfalls nicht gelegen haben. “The Thing” ist einer der perfektesten Horrorfilme, die ich gesehen habe. Die Handlung ist schnell erzählt: Eine Gruppe von Wissenschaftlern wird auf einer antarktischen Forschungsstation von einem außerirdischen Organismus angegriffen, der beliebig von einem Körper in den nächsten wandern kann. Die Geschichte bezieht ihre Spannung aus der Frage, wer “infiziert” ist und wer nicht. Das Original war ein Schaf im Wolfspelz: Die Science-Fiction-Story “Who goes there?” von John W. Campbell lieferte bloß einen Vorwand für eine antikommunistische Parabel und fügte sich politisch korrekt in die McCarthy-Ära. Carpenter steigert die Grundelemente der Geschichte - Klaustrophobie und Paranoia - bis an die Grenzen des Erträglichen. Die panische Atmosphäre sucht ihresgleichen. Von Anfang an ist klar, dass alle Wissenschaftler dem Tod geweiht sind. Hoffnung gewährt “The Thing”, im Gegensatz zu Kubricks “Shining” (1980), nicht. Die berüchtigten Splatterffekte von Rob Bottin ergänzen die Handlung gut; sie geraten nicht zum Selbstzweck, und Ennio Morricones reduzierte Synthesizerklänge tragen maßgeblich zur Spannung bei.

Carpenter hat mit “The Thing” bewiesen, dass er ein Meister der kleinen Plots ist: Die Handlung seiner besten Filme kann man auf einem Kaugummipapier zusammenfassen. Die Spannung, die “The Thing” aufbaut, sucht ihresgleichen. Ein weiterer Pluspunkt sind die - handgearbeiteten - Effekte. Im Gegensatz zu digitalen Effekten sieht man ihnen ihr Alter nicht an; sie wirken heute noch genauso intensiv wie 1982. Der Film wurde erst auf VHS (und später auf DVD) ein Erfolg und ist heute einer der beliebtesten Filme Carpenters. Inzwischen gibt’s sogar ein Lego-Remake.


Der Dünne Mann

Author: Fin
23. November 2007

Seit zwei Jahren gibt es eine der besten Krimi-Serien überhaupt auf DVD, und zu meiner Schande muss ich gestehen, ich hab’s nicht gemerkt. Aber was sind zwei läppische Jahre gegen 73, seit der erste Teil erschien? Na bitte.

Worum geht’s?

Der - von Dashiell Hammett erdachte - Privatdetektiv Nick Charles (William Powell) hat vor ein paar Jahren die steinreiche Nora (Myrna Loy) geehelicht. Seitdem hält er nicht mehr viel davon, seinen Lebensunterhalt durch Arbeit zu verdienen, und verbringt die Tage mit Frau, Mr. Asta (seinem Hund) und jeder Menge Cocktails. Trotzdem wird er immer wieder in Mordfälle verstrickt, deren Aufklärung ihm aber nicht mehr Schwierigkeiten bereitet als das Mixen eines anständigen Wodka Martini.

Welche Filme gibt’s?

  • Mordsache dünner Mann (1934)
  • Nach dem dünnen Mann (1936)
  • Noch ein dünner Mann (1939)
  • Der Schatten des dünnen Mannes (1941)
  • Der dünne Mann kehrt heim (1945)
  • Das Lied vom dünnen Mann (1947)

Warum sollte man sich die Dünner-Mann-Filme ansehen?

Der “Dünne Mann” ist klassisches, vergnügliches Hollywood-Kino der Dreißigerjahre; die Dialoge zwischen Nick und Nora sind köstlich; und - ich geb’s zu - auch das Mörderraten macht hier noch richtig Spaß. Meiner Meinung nach eine der lustigsten Filmserien überhaupt.


22. November 2007

Wer sich für Stummfilme, Klassiker und Trash begeistern kann, wird im Internet rasch fündig: Verschiedene Online-Filmarchive stellen kostenlose Filme zum Download zur Verfügung.

Auf http://www.archive.org und http://emol.org/ haben Cineasten seit einiger Zeit die Möglichkeit, lizenfreie Filme anzuschauen. Das ist legal, denn es handelt sich um Werke, deren Urheberrecht entweder abgelaufen ist oder die niemals eins hatten.

Es liegt in der Natur der Sache, dass die vorhandenen Filme (die Datenbanken sind beeindruckend) meistens ziemlich schlecht sind. Aber gerade darin liegt der Reiz: Trash-Juwelen (schönes Wort, nicht?) wie “Santa Claus conquers the Martians” sind - kosentlos - doch allemal sehenswert.

Wer lange sucht, kann sogar einige Perlen finden; Murnaus “Nosferatu - eine Symphonie des Grauens” (1922) etwa oder “The Night of the living dead” (1968).

Update: Der neue Trend scheinen derzeit Filme Flatrates im Internet zu sein. Man kann sich für einen Festpreis Filme anschauen.


Dario Argento

Author: Fin
21. November 2007

Dario Argento ist ein herausragender Regisseur. Trotzdem macht er meistens schlechte Filme.

Drei Killer warten an einem öden Bahnhof. Das Windrad klappert, Wasser tropft quälend langsam von einer Regenrinne, eine Fliege krabbelt über das schmutzige Gesicht eines der Männer…

Während des Vorspanns zu “Spiel mir das Lied vom Tod” (1968) passiert nichts. Trotzdem steckt er voller Details und entwickelt eine seltsame, morbide Atmosphäre. Die Titel nennen drei Drehbuchautoren: Sergio Leone, Bernardo Bertolucci und Dario Argento. Die Episode mit der Fliege im Revolverlauf, hat Argento später in einem Interview gestanden, sei von ihm. Sie ist exemplarisch für das Werk des Filmemachers Argento, der sich selten um eine ordentliche Geschichte schert; was für ihn zählt, ist die audiovisuelle Qualität.

mnis der schwarzen Handschuhe”. “Profondo Rosso” (1975), “Suspiria” (1977) und “Inferno” (1980) wurden seine besten Filme: Erzählerisch nicht besonders sattelfest, aber visuell atemberaubend. Er hat es bis heute nicht zugegeben, aber der Einfluss des italienischen Horrorregisseurs Mario Bava (1914-80) ist unverkennbar. Eine Traumsequenz in “Inferno” wurde von Bava gefilmt.

Suspiria“, sein wichtigster Film, erzählt von einer Tanzakademie in Freiburg, die von Hexen geleitet wird. Argento gesteht, er habe sich an Disneys “Schneewittchen und die sieben Zwerge” orientiert. So wirken die Schülerinnen, obwohl sie erwachsen sind, wie kleine Mädchen: Die Türen sind zu groß, die Klinken auf Kopfhöhe angebracht, die Betten zu klein… Der Film lebt von der phantasievollen Ausstattung. Argento verwendete rares Technicolor-Material, das die Bilder in unwirkliche Farben taucht.

Im Werk des Hitchcock-Verehrers steht eine Handvoll visuell überragender Horrorfilme gegen unzählige schlechte Thriller. Argento hat sich oft im Genre seines Idols versucht, meist ohne Glück. Es wäre an der Zeit, dass ihm jemand ein handfestes, logisches Drehbuch in die Hand gibt - ein Dario-Argento-Film mit einem soliden Plot, davon träumen seine Fans seit Jahren …


20. November 2007

Mary (Miranda Richardson) und Collin (Rupert Everett), ein nicht mehr ganz junges, unverheiratetes Paar aus England, verbringt seinen Urlaub in Venedig. Am touristischen Einheitsprogramm sind sie kaum interessiert; sie irren ein wenig ziellos durch die Gassen und Kanäle der Lagunenstadt, gehen essen, besuchen ein paar alte Kirchen, sitzen in Cafés. Irgendetwas steht zwischen ihnen; ihre Beziehung wirkt erkaltet, erschöpft. Der Zuschauer erfährt nicht, woher sie kommen, wer sie sind. Zwei Fremde in einer Stadt der Fremden.

Umso dankbarer sind sie, als sie eines Abends von dem eleganten Robert (Christopher Walken) aufgegriffen werden: Er will ihnen ein Restaurant zeigen, das noch geöffnet hat. Wenig später lädt Robert das Urlauberpaar in sein Stadthaus ein; dort treffen sie Caroline (Helen Mirren), seine gehbehinderte, scheue Frau. Der Macho und seine unterwürfige Frau faszinieren Mary und Collin. Obwohl sie von ihnen abgestoßen sind, entwickelt sich allmählich eine bizarre, erotische Beziehung zu dem fremden Paar.

Der Trost von Fremden” basiert auf der gleichnamigen Novelle von Ian McEwan (”Abbitte”). Das Drehbuch stammt von Harold Pinter (Nobelpreis für Literatur 2005). Unter der Regie von Paul Schrader (”Katzenmenschen”) gibt Christopher Walken als Robert einen gentlemanhaften Sadisten. Rupert Everett als Collin passt gut ins Decors (Kostüme: Versace), und die Oscar-Preisträgerin Helen Mirren ist einfach furchterregend. Einzig Miranda Richardson bleibt blass. Die Geschichte läuft langsam an; Schrader widmet dem morbiden Charakter Venedigs viel Zeit. Der barocken Musik Angelo Badalamentis gelingt es, den makabren Kern der Novelle von Anfang an mitschwingen zu lassen. Wenn die Erzählung ihr Tempo dann steigert, trifft die Pointe den Zuschauer nicht unvorbereitet. Dennoch wirkt das Ende schockierend.

Gelegentlich erinnert der Film an “Wenn die Gondeln Trauer tragen” (1973), an einer Stelle spielt er direkt auf den “Tod in Venedig” (1971) an. Damit sind die Grenzen abgesteckt. Ich denke, “Der Trost von Fremden” wird seinen großen Vorbildern gerecht.


Charlotte Gainsbourg

Author: Fin
19. November 2007

Jede Generation hat ein paar Schauspieler, die man einfach bewundern muss; weil sie ihre Rollen mit traumwandlerischer Sicherheit auswählen und eigentlich alles spielen können, weil sie irgendwie schon immer da waren und weil sie sich selbst überhaupt nicht ernst nehmen. Charlotte Gainsbourg ist so eine Schauspielerin. Die Tochter von Serge Gainsbourg und Jane Birkin wurde 1971 geboren und lebt mit dem Schauspieler und Regisseur Yvan Attal zusammen. Mehr muss man über ihr Privatleben nicht wissen. Sie arbeitet seit 20 Jahren als Schauspielerin, singt gelegentlich und bloggt seit Neuestem. Im Alter von 16 Jahren erhielt sie einen César für “L’Éffrontée” (1986). Seitdem ist sie aus dem europäischen Film nicht mehr wegzudenken - unter anderem in “Der Zementgarten” (1993) nach Ian McEwan, unter der Regie von Franco Zefirelli als “Jane Eyre” (1995), in Inarritus “21 Gramm” (2003) oder in Michel Gondrys “Science of Sleep” (2006). Zuletzt wirkte sie in dem hochgelobten Bob-Dylan-Film “I’m not there” (2007) mit, der am 31. Januar 2008 in den deutschen Kinos anläuft. Charlotte Gainsbourg ist eine der (wenigen) Schauspielerinnen, deren Filme man sich bedenkenlos anschauen kann - sie macht einfach nichts Schlechtes.


19. November 2007

Der kleine Ensemblefilm “Stealing Beauty” (dt.: “Gefühl und Verführung”) ist eines der weniger bekannten Werke Bernardo Bertoluccis (”Der letzte Tango in Paris”, “Die Träumer”). Erzählt wird die Geschichte der 19jährigen Amerikanerin Lucy, die den Sommer in einer Künstlerkolonie in der Toskana verbringt. Sie möchte eine Jugendliebe wiedertreffen. Und den Mann finden, der ihr Vater ist …

Bertolucci lässt sich viel Zeit für die Geschichte; immer wieder verweilt die Kamera auf der idyllischen Landschaft. Aber “Stealing Beauty” ist zu keinem Zeitpunkt langweilig. Bertolucci konnte eine Vielzahl internationaler Schauspieler für sein Projekt begeistern: Neben anderen Jeremy Irons, Rachel Weisz, Jean Marais und Ralph Fiennes. Die Entdeckung des Films aber war die 19jährige Liv Tyler, der damit der internationale Durchbruch gelang.

Dem einstigen Skandalregisseur ist ein kleiner, eleganter Coming-of-Age-Film gelungen, dem man höchstens vorwerfen kann, dass er ein bisschen zu idyllisch wirkt. Erwähenswert ist auch der hervorragende Soundtrack, der neben klassischen Stücken (Mozart) auch ein paar 90er-Bands wie Mazzy Star und Portishead enthält.


Maskenfresse reloaded

Author: Fin
19. November 2007

Rob Zombie hat den modernen Horrorfilm einfach nicht verstanden. Paradoxerweise waren seine pubertären Gewaltstreifen “House of 1.000 corpses” (2002) und “The Devil’s Rejects” (2005) aber so erfolgreich, dass man ihm das Remake von John CarpentersHalloween - Die Nacht des Grauens” (1978) antrug.

Angesichts dieses modernen Klassikers ließ der Regisseur, der eigentlich Rockmusiker ist, sich zu einer “Re-Imagination” hinreißen: Er verlegt die Handlung des Originals in die Gegenwart und verpasst dem wahnsinnigen Serienmörder Michael Myers eine Vorgeschichte. Letztlich hat Zombie also eine Mischung aus Prequel und Remake gemacht; keines von beidem funktioniert.

Umso fremder das Monster, desto gruseliger: Diese Faustregel beherzigen die modernen Horrorfilme, ob “Die Nacht der lebenden Toten” (1968), “Alien” (1979) oder “Das Schweigen der Lämmer” (1991). Wer dagegen Gründe liefert, macht den Horror verständlich, möglicherweise sogar nachvollziehbar. Und das raubt ihm jeden Effekt.

Rob Zombie lässt diese Regel außer acht, wie er sich überhaupt wenig um Spannungsaufbau schert. Das ist der große Fehler seines Films, mag er auch handwerklich einige gute Ansätze haben. Am Unheimlichsten ist noch das populärpsychologische Gebräu aus Tierquälerei, Missachtung und einer klischeetriefenden White-Trash-Familie, mit dem er Myers’ Kindheit anfüllt.

Leider ist der Film andererseits nicht so schlecht, dass mangelnde Qualität ihn schon wieder sehenswert macht, wie das bei Ed Woods “Plan 9 from Outer Space” der Fall ist. Insgesamt vertane Zeit.


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